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Wann man die eigenen Zweifel ignorieren sollte

Zweifel

Manchmal tauchen Zweifel dann auf, wenn man sie am wenigsten braucht. Wenn eine Angelegenheit vielleicht nicht zu 100% richtig ist, können uns Zweifel vor Fehlern bewahren. Zweifel können aber auch da auftauchen, wo Ängste mitspielen und ein gewisses Risiko im Spiel ist – was nicht unbedingt schlecht sein muss. Aber selbst, wenn man sein Bestes gegeben hat und vermeintlich alles richtig zu sein scheint, können Zweifel auftauchen. Wann geht man auf diese Zweifel ein? Und wann ignoriert man sie am besten?

Das Jahr 2017 fing für mich mit viel Grübeln an. Kurz vor Ende des Jahres war mir ein Licht aufgegangen. Mir war bewusst geworden, dass meine Fähigkeit zu zweifeln nicht nur gute Ergebnisse geliefert hatte.

Dabei war ich viele Jahre sehr stolz darauf gewesen, dass ich ein ausgeprägter Zweifler bin. Ich war der Überzeugung gewesen, dass der Zweifel mein bester Freund war. Er hatte mich vor vielen Misserfolgen und Verlusten bewahrt. Und so war es für mich klar: Wenn ich Zweifel bemerke, dann hat das einen Grund.

Was habe ich falsch gemacht?

Dabei ist mir aber ein fataler Fehler unterlaufen: Ich ging davon aus, dass es für diese Zweifel auch einen Grund geben musste. Daraus zog ich den Fehlschluss, dass sie auch berechtigt waren.

Ob es nun tatsächlich einen Grund gab und ob dieser gut war oder nicht, das habe ich schon gar nicht mehr überprüft. Für mich war das Vorhandensein von Zweifeln sowas wie ein rotes Tuch: Wenn es geschwenkt wird, besteht Gefahr. Und nur dieser Gefahr habe ich dann meine Aufmerksamkeit geschenkt.

Zweifel am Bauchgefühl

Das Problem mit Zweifeln und jeder Art Bauchgefühl ist, dass sie nicht immer zuverlässig sind. Damit möchte ich das Bauchgefühl nicht per se abwerten. Im Gegenteil: Mein eigenes Bauchgefühl ist mir sehr wichtig.

Die Autoren Chip und Dan Heath beschäftigen sich in Ihrem Buch „Decisive: How to Make Better Decisions“ mit dem Problem guter Entscheidungen. Sie beschreiben darin einige Faktoren, die zu guten Entscheidungen führen. Das Bauchgefühl egal welcher Art gehört nicht unbedingt zu diesen Faktoren.

In Studien zeigte sich, dass das Bauchgefühl nur begrenzt verlässlich ist. Nämlich in den Bereichen, in denen man schon Experte ist. Wer sich also über viele Jahre mit einem bestimmten Thema auseinandergesetzt hat, kann sich auf sein eigenes Bauchgefühl verlassen. Wenn dann Zweifel auftauchen, sollte man diese ernst nehmen.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Zweifel in anderen Bereichen nicht zuverlässig sind. Wer technisch nicht sehr versiert ist und mitten im Aufbau eines IKEA-Schrankes Zweifel bekommt, sollte die Gebrauchsanweisung konsultieren und sich rückversichern. Bauliche Veränderungen auf eigene Faust sind hier eher nicht das Mittel der Wahl.

Der IKEA-Schrank des Lebens

In meinem speziellen Fall hatten die Zweifel aber nichts mit dem Aufbau eines Schrankes zu tun. Vielmehr waren es wichtige Lebensentscheidungen, die ich aufgrund von hartnäckigen Zweifeln getroffen hatte. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich einige schwerwiegende Fehlentscheidungen getroffen hatte.

Beim genaueren Hinsehen fiel mir auf, dass diesen Entscheidungen immer dasselbe Muster zugrunde lag: Kaum stand ich vor dem Erreichen eines wichtigen Ziels, schlichen sich Zweifel ein. Diese blockierten mich dann so sehr, dass ich auf den letzten Zentimetern vor dem Zielpunkt einknickte.

Man muss sich das so vorstellen, als ob man zu einem Marathonlauf antritt und weit über die Hälfte der Strecke zurücklegt, ehe es dann passiert: Zweifel setzen ein, meistens in Form der inneren Stimme. Diese Stimme sagt dann zum Beispiel:

„Vielleicht hätte ich nicht am Lauf teilnehmen sollen. Eigentlich ist das doch total doof hier. Immer nur laufen. Was habe ich denn davon? Und wenn ich dann später im Ziel eingetroffen bin, dann habe ich eben 42 km hinter mich gebracht. Na toll! Dafür kann ich mir auch nichts kaufen.“

Und so redet und redet diese innere Stimme weiter und weiter. Doch mit jedem Schritt den man zurücklegt, wird es beschwerlicher und beschwerlicher. Denn im Grunde hat diese innere Stimme ja recht: All das ist doch gar nicht so toll wie man sich das vorgestellt hat.

Zweifel hemmen Denkprozesse

Das schwierige daran ist, dass die Zweifel uns ausbremsen. Sie bremsen uns aus, weil sie unsere kognitiven Prozesse behindern. Sie benötigen nämlich so viel Denkleistung, dass wir das eigentlich Wichtge nicht tun können: unser Ziel zu erreichen.

Zweifel bedienen sich an unseren Energiereserven. Mehr noch, sie stellen sich den Gedanken in den Weg, die uns zum Handeln bewegen. Damit sind sie eine doppelte Belastung: Sie kosten uns Kraft und behindern uns. Wenn Sie berechtigt sind, ist das auch in Ordnung. Denn dann halten Sie uns davon ab, etwas Dummes zu tun. Aber wenn sie unberechtigt sind, ziehen wir keinen Nutzen aus ihnen. Im Gegenteil.

Sie müssen sich das so vorstellen: Sie sitzen im Auto und fahren auf Ihr Ziel zu. Plötzlich liegen Felsbrocken auf der Straße. Das sind Ihre Zweifel. Am Anfang können Sie diese Felsbrocken noch umfahren, aber es werden immer mehr und mehr. Langsam wird es schwieriger, ihnen auszuweichen. Sie poltern so heftig gegen ein paar Felsbrocken, dass Sie den Tank Ihres Fahrzeugs verletzen. Es tritt Benzin aus. Ihr Auto fängt an zu holpern und zu poltern.

Wenn Sie jetzt feststellen: „Ich bin ja direkt auf einen Abgrund zugefahren!“, dann waren diese Felsbrocken ja doch eine Hilfe. Sie haben Ihre Haut gerettet und können mit dem Schaden am Auto leben. Aber wenn es gar keinen Abgrund gegeben hat, haben Sie nur den Schaden – und sonst nichts.

Zweifeln als Muster

Mir wurde erst viele Jahre später klar, wie mein persönliches Zweifeln abläuft: Ähnlich wie beim oben skizzierten Marathonläufer setzten die Zweifel kurz vor der Zielgeraden ein. Ich war ohnehin schon erschöpft, weil das Erreichen meines Ziels viel Anstrengung erforderte.

Und dann diese innere Stimme! Anstatt dass sie mir hilft, stellt sie sich mir in den Weg. Es kam wie es kommen musste: Irgendwann war ich vollkommen konsterniert, weil mir alles zu viel wurde. Bei Kilometer 41,5 von 42 habe ich das Handtuch geworfen.

Was Sie in Bezug auf Ihre Zweifel mitnehmen können

Obwohl ich meinem Muster erst jetzt auf die Schliche gekommen bin, habe ich aber auch positive Schlüsse daraus gezogen. Vielleicht hilft Ihnen das im Umgang mit Ihren eigenen Zweifeln:

  • Ich bin nach wie vor stolz darauf, ein Zweifler zu sein. Ich halte das auch nach diesem Resümee immer noch für eine Eigenschaft, die ich nicht gänzlich missen möchte.
  • Mir ist aber klar geworden, dass meine Zweifel nicht nur zu guten Ergebnissen geführt haben. Daher nehme ich für mich mit: Zweifel haben ihren Platz, aber sollten immer auch hinterfragt und mit der Realität abgeglichen werden.
  • Die Forschung zeigt, dass Zweifel nicht in allen Lebensbereichen gleich zuverlässig sind. Daher gilt immer: Zweifel überprüfen!
  • Zweifel erfordern viel kognitive Energie, die man manchmal für andere Dinge benötigt. Vor allem wenn ich schon einen erheblichen Weg zurückgelegt habe, sollte ich mich auf das Erreichen des Ziels konzentrieren. Und auf sonst nichts.
  • Ich habe erkannt, dass Zweifel mich auch bremsen. Damit kann ich zukünftig meinen Zweifeln nicht mehr die absolute Führung überlassen.
  • Wenn die Zweifel so ausgeprägt sind, dass ich das Handtuch am liebsten werfen möchte, spreche ich mit jemandem darüber und hole mir Unterstützung.
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